Simon Bertl HRM Personalinstitut
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Hat die Corona-Krise den Arbeitsmarkt verändert?

HRM Personalinstitut
Simon Bertel
Interview

Corona, Covid-19, SARS-CoV-2, Pandemie, Krise, globale Katastrophe, Intensivstationen, Tests, Tote, Wirtschaftskrise, Home-Office, Home-Schooling, Vollzeitbetreuung, Kurzarbeit, Kündigungen, …

Schlagworte, die uns weltweit seit Anfang des Jahres begleiten. Hier geschriebene Worte, in der Realität stecken hier Ängste und Unsicherheiten hinter, die vielfältige Veränderungen mit sich bringen.

Dr. Simon Bertl / Geschäftsführer HRM Personalinstitut
Simon Bertl

CEO HRM Personalinstitut

Die Covid-19-Pandemie hat uns verändert. Durch Einschränkungen im Privatleben, aber vor allem wurde auch unser Berufsleben auf den Kopf gestellt. Plötzlich wurden förmlich über Nacht Technologien erweitert, um die Mitarbeiter von zu Hause arbeiten zu lassen – je nach Branche. Die einen haben wenig bis gar nichts mehr zu tun und die anderen könnten selbst mit 48-Stunden-Tagen nicht auskommen.

Inscript: Systemrelevant – ein Wort in aller Munde. Frust und Verzweiflung über ein vorhandenes und gelebtes Ungleichgewicht. Was hat Corona im Berufsleben verändert oder zur Veränderung angeregt? Wie sieht die Berufswelt nach Corona aus?

Dr. Bertl: Ohne dass ich auf einzelne wirtschaftliche Bereiche eingehen möchte, das wäre uferlos, hoffe ich doch, dass Corona den Weg zum Wesentlichen eröffnet. Irgendwie haben wir genug von „Nice to have“, Ballermann, Ramsch und Müll. Ich hoffe auf eine Korrektur der Werte.

Inscript: Herr Dr. Bertl, als Experte für Personal- und Recruiting- Fragen, als Geschäftsführer des HRM Personal Institut, Unternehmensberater und ausgebildeter Coach: Wie ist es Ihnen ergangen als Personalagentur in Zeiten von Corona?

Dr. Bertl: Natürlich ist es eine Herausforderung, in Zeiten, in denen eine Rezession herrscht, in Zeiten, in denen weit mehr Mitarbeiter entlassen und gekündigt werden als eingestellt, regionale Jobplattformen im Internet zu betreiben. So gesehen trifft die Wirtschaftskrise voll und mit ungeheurer Wucht unser Geschäftsmodell, unser Unternehmen. Aber wir sind genau gegen den „Schweinezyklus“ geschwommen. In Zeiten, in denen die meisten Firmen schrumpfen, rundum Kosten sparen und Mitarbeiter entlassen bzw. in Kurzarbeit schicken, haben wir niemanden auf Kurzarbeit gesetzt, niemanden gekündigt und nicht an der Werbung gespart. Vielmehr haben wir uns mit neuen Projekten und intensiviertem Marketing auf die Zeit nach der Krise vorbereitet. Wir hatten und haben Arbeit genug. Im Gesamten wurden wir dadurch auf dem Markt gestärkt.

Inscript: Wie sahen die Einschnitte bei Ihnen als Personalagentur aus? 

Dr. Bertl: Natürlich haben wir Umsatzeinbrüche. Diese können wir jedoch teilweise kompensieren, indem wir unnötigen Ballast, der sich im Laufe der „fetten Jahre“ angesammelt hatte, loswerden konnten.

HRM Personalinstitut in Zeiten von Corona

In Zeiten der Krise

Inscript: Wie haben Sie intern reagiert und gearbeitet?

Dr. Bertl: Kurz gesagt: Intern haben wir reagiert und gearbeitet, als ob es keine Krise gäbe. Und wir sind gerüstet für alles Weitere. Im Bereich der kaufmännischen Berufe war es plötzlich alltäglich: Homeoffice.

Inscript: Wo sehen Sie Chancen und Risiken der Arbeit von zu Hause? Sowohl von Seiten der Unternehmen als auch der Mitarbeiter?

Dr. Bertl: Natürlich hat Homeoffice kurzfristig auch Vorteile. Für beide Seiten. Sollte jedoch Homeoffice zur Regel werden, so befürchte ich, dass die meisten Unternehmen über früher oder später „auseinanderbröckeln“. Viel Menschliches, das die eigentliche Essenz des gemeinsamen Tuns ausmacht, ginge auf Dauer verloren. Ein Unternehmen ist nicht nur eine Profitgemeinschaft. Es entsteht keine wirkliche Teambildung und für viele Menschen geht ein großes Stück Struktur verloren.

Inscript: Weit weg von den Kollegen, Mitarbeitern und Chefs, dem direkten und persönlichen Austausch, der unkomplizierten kurzen Kommunikation: Welche Auswirkungen kann das Arbeiten allein im Homeoffice auf die Psyche der Mitarbeiter haben?

Strukturverlust und Vereinsamung sind die großen Gefahren eines permanenten Homeoffice-Betriebs. Dr. Simon Bertl

Die Herausforderungen

Inscript: Als Unternehmer/Führungskraft lässt man seine Mitarbeiter von heute auf morgen an der „langen Leine“. Kontrollverlust und gleichzeitig Vertrauensvorschuss? Was raten Sie den Führungskräften an dieser Stelle? Wie kann man den vermeintlichen Kontrollverlust in Vertrauen „umwandeln“? Müssen Ziele/Ergebnisse neu gesteckt und kommuniziert werden?

Dr. Bertl: Mehr Kontrolle und Überwachungstools sind bestimmt nicht die Lösung. In der Regel missbrauchen Mitarbeiter ihnen entgegengebrachtes Vertrauen nicht. Zudem geht diese Fragestellung in eine Richtung, die mir nicht gefällt. Klar muss zum Schluss ein positives Ergebnis stehen. Wir wollen alle von unserer Arbeit leben können. Diese Ergebnisse kommen aber viel eher durch Vertrauen als durch Kontrolle zustande. Wobei es leider immer wieder Ausnahmen gibt. Gemäß abendländischer Ethik ist der Weg das Ziel. Ein gutes Ziel braucht einen guten Weg. Das ist mein unternehmensphilosophischer Ansatz.

Inscript: Homeoffice, eine gute und flexible Work-Life-Balance: Was bis jetzt oft noch als „Goodie“ bei Vertragsverhandlungen galt, scheint jetzt die Basis zu bilden. Wie sehen Sie hier die Entwicklungen nach Corona?

Dr. Bertl: Work-Life-Balance suggeriert von vornherein, dass Arbeit nur Mittel zum Zweck ist. Mühsam und freudlos. Mit diesem Arbeitsbegriff kann ich nichts anfangen. Arbeit ist auch Leben. Wahrscheinlich ist vielmehr ein Gleichgewicht zwischen Erwerbsarbeit und Erholung gemeint. Da stimme ich zu. Der Mensch braucht Erholung. Der Mensch braucht Umgebungswechsel. Der Mensch braucht Abschalten- Können und Regeneration von der Arbeit, und sei sie noch so erfüllend.

Dr. Simon Bertl // Corona und Homeoffice

Inscript: Sehen Sie durch das Arbeiten im Homeoffice die Gefahr, dass die Mitarbeiter weniger Bindung zum Unternehmen und den Kollegen aufbauen und es so zu einer höheren Fluktuation kommen wird?

Dr. Bertl:Auf alle Fälle.

Inscript: Viele Menschen haben durch die Krise ihre Anstellung verloren und sind auf der Suche nach neuen Jobs. Glauben Sie, dass es jetzt ein Umdenken geben wird? Welchen Einfluss hat die Krise Ihrer Meinung nach auf die Karriereverläufe?

Dr. Bertl: Möglicherweise kommt es zu einer Trennung zwischen Spreu und Weizen. Aber sehr leid tun mir Menschen, die es völlig unverschuldet trifft. Das ist ein Elend.

Inscript: Einer Ihrer Kompetenz-Bereiche ist ja unter anderem das Thema Coaching: Was raten Sie den Menschen, die durch die Krise ihre Anstellung verloren haben?

Dr. Bertl:Kopf hoch! Jüngst habe ich einen Satz von einem deutschen Spitzenpolitiker gehört, dem ich uneingeschränkt zustimmen möchte: Es kommt nicht darauf an, wie oft du hinfällst, sondern wie oft du aufstehst.

Inscript: Haben Sie eine Empfehlung für die Bewerber bezüglich der Stellensuche? Welche Such-Portale würden Sie empfehlen?

Dr. Bertl: In Vorarlberg empfehle ich laendlejob.at. In allen anderen Bundesländern natürlich unseren eigenen Jobportale.

Die Nachwirkungen

Inscript: Die steigenden Arbeitslosenzahlen haben eben ja auch eine Vielzahl an neuen Bewerbungen zur Folge. Wie können die Unternehmen hier der Flut an Bewerbungen Herr werden? Und was können/sollten Unternehmen bei der Stellenausschreibung gegebenenfalls optimieren?

Dr. Bertl: Um einer Flut von Bewerbungen entgegenzuwirken, braucht es zuerst qualifizierte Stellenausschreibungen. Der Wert der Arbeit soll daran und darin erkennbar sein. Das ist die erste Hürde gegen unkontrollierte Bewerbungsfluten. Dann kommt es darauf an, wo Stellenangebote ausgeschrieben werden. Auch das Medium sollte für Seriosität und Wert der Arbeit stehen. Für eine qualitative Bewerbung sollte auch ein gewisser Aufwand betrieben werden müssen. Früher hieß das in der Schule „äußere Form der Arbeiten“.

Inscript: Vorstellungsgespräche per Telefon- und/oder Videoschaltung – wird das der neue Recruiting-Weg oder ist dies zu „unpersönlich“?

Dr. Bertl: Nein. Schlussendlich führt am persönlichen Weg nichts vorbei. Kommunikation ist viel komplexer, als dies über Medien je vermittelt werden kann. Alle Sinne sind im Spiel.

Inscript: Resilienz ist die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Was möchten Sie den Unternehmen in Bezug auf den zukünftigen Recruiting-Prozess und das Arbeiten nach Corona mit auf den Weg geben? Ihr ganz persönlicher Rat oder Ausblick, Ihre Zuversicht?

Dr. Bertl: „Lassen wir uns durch dilettantische Politik und schräge Medienberichterstattung die Stimmung nicht vermiesen. Schlussendlich ist jeder von uns selbst der Schmied seines Glücks.“

Inscript: Vielen Dank für das Interview, wir danken Ihnen recht herzlich für Ihre Unterstützung.